Eine Nacht am Meer entlang

Oder: Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang auf den Beinen

Mein erstes Mikroabenteuer – ich habe hin und her überlegt, wie es aussehen soll. Dann habe ich mit meiner Freundin über die Ideen gesprochen. Als sie sagte: „Bei der Wanderung durch die Nacht wäre ich auch dabei“, war die Entscheidung gefallen. Denn zu zweit unterwegs zu sein gab mir gleich ein besseres Gefühl. Wir guckten uns eine Nacht aus und trafen vorher ein paar Absprachen. Wir wollten am Meer entlanglaufen – auch weil sich die Übergänge zwischen Tag und Nacht dort vermutlich am besten sehen ließen. Da wir nicht allzu viel Gepäck brauchten, entschieden wir uns dafür nur den Treckingrucksack meiner Freundin mitzunehmen und uns beim Tragen abzuwechseln. Ein Startpunkt, zu dem wir mit dem Zug anreisen konnten, war auch leicht gefunden und von da aus war es nicht mehr weit bis zum Deich.

Oben angekommen genossen wir erstmal den Ausblick. (Natürlich war Niedrigwasser, wie gefühlt fast immer, wenn man nach längerer Zeit mal wieder an die Nordsee kommt.) Es waren noch etwa 1 ½ Stunden bis Sonnenuntergang und wir entschieden uns bis dahin schon mal am Wasser entlang Richtung Norden loszuwandern, denn ab hier begann ja erst unsere eigentliche Strecke. Obwohl es tagsüber mehr als 30°C gewesen waren, ließ es sich auf dem Weg nahe am Wasser sehr gut aushalten.
Zum Sonnenuntergang machten wir die erste Pause, setzen uns auf Steine und ärgerten uns ein wenig über die Wolken, die kurz vorher am Horizont aufgetaucht waren und uns die Sicht nahmen. Faszinierend war es trotzdem:

Gestärkt von Pizzaschnecken und voller Neugier auf die einsetzende Dämmerung, setzten wir unsere Wanderung fort. Es wurde langsam immer dunkler und wir überlegten, wann wohl der Mond aufgehen und uns zumindest ein wenig leuchten würde. Durch ein Tor führte uns der Weg unten am Deich auf eine Kuhweide. Ein wenig mulmig war uns schon, als wir in der immer dunkler werdenden Nacht an den grasenden Kühen vorbei liefen. Die meisten schauten nur kurz hoch, aber einige waren neugieriger und folgten uns ein paar Meter, verloren jedoch schnell wieder das Interesse. Immer wieder hörten wir einzelne Kühe laut rufen. Sie standen jeweils ein Stück entfernt von den anderen und wir fragten uns, ob sie sich vielleicht noch unwohler fühlten als wir selbst.

Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit auf einem Weg aus Betonplatten über Kuhwiesen gelaufen waren (Kühe hatten wir dabei schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen), standen wir plötzlich vor einem Zaun. Ganz unvermittelt schnitt er uns den Weg ab. Wir waren verunsichert, gerade weil wir inzwischen nicht mehr erkennen konnten, wo der nächste Durchgang war. Nach kurzem hin und her entschieden wir uns oben auf dem Deich nachzuschauen. Schon beim Anstieg sahen wir mit Erleichterung, dass auf der Kuppe ein Tor war. Als wir gerade oben ankamen, waren wir aber wie versteinert. Dieses Mal aber von dem wunderschönen Anblick des Mondes, der gerade fast rund und leuchtend orange aufging. Während wir noch staunend dastanden, huschte eine Sternschnuppe über den Nachthimmel. Uns stockte kurz der Atem und schnell erkannten wir: Es sollte so sein, dass wir unten am Deich nicht weiterkamen, denn sonst wären uns diese atemberaubenden Momente entgangen.
Allerdings war dies auch die dunkelste Zeit, in der wir unterwegs waren, denn die Sonne war längst verschwunden und der Mond noch nicht hell genug. Wir suchten noch das eine oder andere Mal nach dem ausgetrampelten Weg, entschieden uns hin und wieder für die Straße auf der Landseite des Deiches und trafen dort einen aufgescheuchten Igel. Die grellen Scheinwerfer der gelegentlich vorbeifahrenden Autos waren uns aber so unangenehm, dass wir immer wieder versuchten unsere Wanderung auf dem Deich weiterzuführen. Karten oder Google Maps brauchten wir lange nicht denn wir mussten ja nur dem Deich folgen (so gut das eben ging). Irgendwann kamen wir da aber nicht mehr weiter und unser Weg führte uns durch zwei Orte mit den einfallsreichen Namen Arensch und Berensch.

Rund um die beiden Orte gingen wir auch streckenweise am Waldrand entlang und ich spürte, dass ich angespannter war. Wachsam beobachtete ich jeden kleinen Schatten und horchte auf ungewohnte Geräusche. Ich fühlte mich deutlich unwohler als am Deich, wo mein Blick viel weiter schauen konnte.
Das letzte Drittel des Weges schleppten wir uns im Prinzip nur noch voran. Die Beine wurden immer schwerer und die Füße taten auch schon eine ganze Weile weh. Aber wir hatten uns vorgenommen zum Sonnenaufgang am Meer zu sein und so war aufgeben keine Option. Als der Sandstrand neben uns auftauchte, war es schon deutlich heller geworden. Der Sonnenaufgang konnte nicht mehr allzu lang hin sein. Weit kamen wir aber nicht mehr. An einem der ersten Strandaufgänge verließen wir den Weg, breiteten die Decke aus und fielen ächzend in den Sand. Den Sonnenaufgang konnten wir aus zwei Gründen nicht richtig verfolgen: Zum einen waren kurz vorher wieder Wolken aufgezogen und zum anderen passierte er irgendwo hinter Bäumen und Häusern. Aber trotz aller Erschöpfung waren wir glücklich, es bis an den Strand geschafft zu haben.

… und heller 🙂

One Reply to “Eine Nacht am Meer entlang”

  1. Torsten

    Hej, Ihr beiden!
    Starker Bericht! Ein gutes Abenteuer, zu dem ich irgendwie auch Lust hätte. Danke für die Idee!
    Beste Grüße! Torsten

    Antwort

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